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Hufknorpelverknöcherung beim Pferd: Was der Röntgenbefund wirklich bedeutet

Von Oliver Winkel, mobiler Tierheilpraktiker ·

Kurz gesagt

Eine Hufknorpelverknöcherung (Sidebone) heißt, dass die elastischen Hufknorpel seitlich am Hufbein sich schrittweise in Knochen umwandeln. Der Befund ist sehr häufig und bei niedrigen Graden meist ein Zufallsbefund, der viele Pferde lebenslang nicht stört. Verknöchertes Gewebe wird nicht wieder Knorpel. Das ehrliche Ziel ist deshalb nicht Rückbildung, sondern das Pferd komfortabel und arbeitsfähig zu halten. Die Diagnose und das Grading gehören zum Tierarzt.

Wann du sofort zum Tierarzt gehst

  • Plötzliche, deutliche Verschlechterung oder starke Schmerzen
  • Das Tier belastet ein Bein nicht mehr oder frisst gar nicht
  • Fieber, Schwellung mit Wärme oder gestörtes Allgemeinbefinden

Diese Seite gibt Orientierung, ersetzt aber keine tierärztliche Untersuchung.

Du hältst einen Röntgenbefund in der Hand, und da steht ein Wort, das erst mal Angst macht: Hufknorpelverknöcherung. Manche sagen auch Seitenknorpelverknöcherung oder benutzen das englische Wort Sidebone. Erst mal tief durchatmen. Ich erkläre dir hier ruhig und ehrlich, was das bedeutet, was du realistisch erwarten kannst und wo die Grenze zwischen sinnvollem Umgang und teurem Unfug verläuft.

Was ist eine Hufknorpelverknöcherung eigentlich?

Seitlich am Hufbein sitzen zwei elastische Knorpelplatten, die Hufknorpel. Sie sind Teil des Stoßdämpfer-Systems im Huf und lassen den Huf bei jedem Schritt ein wenig arbeiten. Bei einer Verknöcherung wandelt sich dieser elastische Knorpel schrittweise in Knochen um. Der Prozess beginnt fast immer unten an der Basis, dort wo der Knorpel am Hufbein ansetzt, und schreitet nach oben fort. In einer Untersuchung an brasilianischen Springpferden zeigten 86,4 Prozent der verknöcherten Knorpel genau dieses Muster von unten nach oben (Melo e Silva und Vulcano 2002).

Wichtig zu wissen: Betroffen sind vor allem die Vorderhufe, und der äußere Knorpel verknöchert meist stärker als der innere.

Ist das ein Grund zur Panik?

Meistens nicht. Die Hufknorpelverknöcherung ist ausgesprochen häufig. Bei Finnpferden zeigten 77,1 Prozent irgendeine Form von Verknöcherung, nur knapp 23 Prozent waren komplett frei (Ruohoniemi et al. 1993). Bei brasilianischen Springpferden waren es sogar 93 Prozent der untersuchten Knorpel (Melo e Silva und Vulcano 2002). Übersichtsarbeiten gehen davon aus, dass rund 80 Prozent aller Pferde im Röntgen ein gewisses Maß an Verknöcherung zeigen. Und die große Mehrheit davon läuft völlig lahmfrei.

Der Tierarzt teilt den Befund in Grade ein, meist von 0 bis 5. Und genau hier liegt die entscheidende Information: Niedrige bis mittlere Grade (etwa 0 bis 3) gelten in der Fachliteratur überwiegend als Zufallsbefund ohne klinische Bedeutung. Bei Kaltbluttrabern fanden Hedenström und Wattle über mehr als 23.000 Rennen keinen Zusammenhang zwischen dem Verknöcherungsgrad und der Leistung (Hedenström und Wattle 2014).

Erst bei hohen Graden wird es aufmerksamkeitswürdig. Jones und Dyson (2015) zeigten, dass bei Grad 4 und 5 deutlich häufiger Umbauvorgänge im Knochen und sogar Frakturen im verknöcherten Knorpel auftreten. Tivey und Kollegen (2020) bestätigten, dass ausgedehnte Verknöcherung ab Grad 4 mit Schmerz und Lahmheit zusammenhängen kann. Das heißt aber nicht, dass ein niedriger Grad automatisch ein Problem ist. Was da im Detail los ist, ordnet dein Tierarzt anhand des konkreten Bildes und des Gangbilds ein.

Bildet sich das wieder zurück?

Hier komme ich zum ehrlichsten Punkt, und den sage ich dir lieber klar als bequem: Nein. Verknöchertes Gewebe wird nicht wieder Knorpel. Die Umwandlung von Knorpel zu Knochen ist ein biologischer Einbahnstraßen-Prozess. Der Körper baut Knochen zwar zu Knochen um, aber es gibt keinen bekannten Weg zurück zum elastischen Hufknorpel (Aghajanian und Mohan 2018). Auch im Merck Veterinary Manual steht klar, dass es keine Behandlung gibt, die diesen Zustand auflöst oder rückgängig macht.

Interessant: Bei Kaltbluttrabern war die Verknöcherung mit etwa 2,8 Jahren weitgehend abgeschlossen und blieb danach stabil, unabhängig von der Rennbelastung (Hedenström et al. 2014). Das spricht dafür, dass die Veranlagung stark erblich ist und kein reiner Verschleiß im Alter. Bei Finnpferden wurde die Heritabilität mit 0,31 bis 0,50 beziffert (Ruohoniemi et al. 2003), und auch bei Warmblütern gilt die Veranlagung als deutlich erblich (Hilla und Distl 2014).

Für dich heißt das: Das Ziel ist nicht wegmachen, sondern begleiten. Das Pferd komfortabel und arbeitsfähig halten, eine Verschlechterung nach Möglichkeit verlangsamen und Folgeprobleme vermeiden. Ich nenne das begleiten statt wegmachen.

Was hilft wirklich, und was ist ein Wundermittel?

Der Hebel, der biologisch überhaupt Sinn ergibt, ist die Belastung im Huf. Ungleichmäßige Belastung, etwa durch eine schiefe Hufform, konzentriert die Kräfte auf den stärker belasteten Knorpel. Genau deshalb ist eine saubere mediolaterale Balance beim Ausschneiden und Beschlagen der wichtigste Baustein im Umgang mit dem Befund. Regelmäßige Hufbearbeitung in vernünftigen Abständen und, wo sinnvoll, ein stabilisierender Beschlag gehören dazu. Weichere Böden dämpfen, harter Untergrund wie Asphalt erschüttert stärker. Das entscheidet aber dein Hufschmied gemeinsam mit dem Tierarzt am konkreten Huf, nicht ein Text im Internet.

Und jetzt die Warnung, die du dir merken solltest: Jedes Produkt, jede Kur und jede Methode, die dir Rückbildung oder Auflösung der Verknöcherung verspricht, arbeitet gegen die bekannte Biologie. Da wird kein Knochen wieder zu Knorpel. Wer dir das verspricht, verkauft dir Hoffnung, keine Substanz. Spar dein Geld.

Ich selbst arbeite mobil mit einer Kombination aus Hochfrequenz-Induktion und Photobiomodulation, ergänzend zur tierärztlichen Behandlung. Das ersetzt weder Tierarzt noch Hufschmied und ist kein Heilversprechen für diesen Befund. Es ist ein ergänzender Baustein, mehr sage ich dazu bewusst nicht.

Wann zum Tierarzt, wann zum Hufschmied?

Ganz einfach getrennt: Die Diagnose, das Röntgen und das Grading gehören zum Tierarzt. Er hat das Werkzeug, das sonst niemand hat. Das ausbalancierte Ausschneiden und Beschlagen gehört zum Hufschmied. Beide zusammen sind dein Team.

Du als Halter bist dabei nicht Publikum, sondern wacher Anwalt deines Tieres. Beobachte genau, stell gute Fragen, bleib dran, wenn dein Bauchgefühl nicht ruhig wird, und hol im Zweifel eine zweite Meinung. Das ist Sorgfalt, kein Misstrauen.

Und ein klarer Notfall-Trigger: Belastet dein Pferd ein Bein plötzlich gar nicht mehr, hat Fieber oder eine warme Schwellung am Bein, dann ist das kein Fall fürs Beobachten, sondern sofort für den Tierarzt.

Ergänzend zur tierärztlichen Behandlung, ersetzt keinen Tierarzt.

CellRepair – Das Tierkonzept by Oliver Winkel®. Mobiler Tierheilpraktiker für Berlin und Brandenburg.

Oliver Winkel bei der Behandlung am Pferdebein im Stall
Was der Röntgenbefund bedeutet und was wirklich hilft.

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Halte in Ruhe fest, was du bei deinem Tier siehst. Am Ende machst du daraus einen ausdruckbaren Zettel für den nächsten Termin. Nichts wird gespeichert oder gesendet, und er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.

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Häufige Fragen

Kann mein Pferd mit einer Hufknorpelverknöcherung noch geritten werden?

Sehr oft ja. Bei niedrigen bis mittleren Graden ohne Lahmheit ist der Befund meist ein Zufallsbefund, und viele Pferde bleiben lebenslang leistungsfähig. Bei Kaltbluttrabern zeigte sich über tausende Rennen kein Zusammenhang zwischen dem Verknöcherungsgrad und der Leistung. Ob und wie dein Pferd belastet werden kann, klärt aber dein Tierarzt anhand des Grads und des Gangbilds.

Bildet sich eine Hufknorpelverknöcherung mit der richtigen Behandlung zurück?

Nein. Verknöchertes Gewebe wird nicht wieder Knorpel, dafür gibt es keinen bekannten biologischen Weg. Produkte, die Rückbildung oder Auflösung versprechen, haben keine wissenschaftliche Grundlage. Sinnvoll ist, das Pferd komfortabel und arbeitsfähig zu halten und die Belastung über gute Hufbearbeitung zu optimieren.

Ab welchem Grad wird die Verknöcherung wirklich zum Problem?

Grob gesagt steigt ab Grad 4 das Risiko für Folgeprobleme wie Frakturen im verknöcherten Knorpel oder Knochenumbauten messbar an, und damit auch für Lahmheit. Grad 0 bis 3 ist überwiegend klinisch unauffällig. Die Einordnung im Einzelfall gehört zum Tierarzt, der das Röntgenbild zusammen mit dem Gangbild bewertet.

Ist die Hufknorpelverknöcherung vererbbar?

Ja, die Veranlagung ist gut belegt erblich. Für Finnpferde wurde eine Heritabilität von 0,31 bis 0,50 berichtet, und auch bei Warmblütern gilt die Veranlagung als deutlich erblich. Schwerere Rassen sind stärker betroffen. In einigen nordischen Zuchtverbänden wird der Befund bei der Zuchtauswahl berücksichtigt.

Was kann ich als Halter selbst tun?

Am meisten hilfst du deinem Pferd über zwei Wege: eine regelmäßige, ausbalancierte Hufbearbeitung durch einen guten Hufschmied und aufmerksames Beobachten. Achte auf Veränderungen im Gangbild, halte die Hufbearbeitungs-Intervalle ein und nimm den Röntgenbefund und deine Beobachtungen mit zum nächsten Tierarzt-Termin. Bei plötzlicher starker Lahmheit, Fieber oder warmer Schwellung sofort zum Tierarzt.

Quellen

Die wissenschaftliche Grundlage zu diesem Ratgeber. Jede Angabe verweist auf die frei einsehbare Originalstudie.

  1. Melo e Silva SRA, Vulcano LC (2002). Collateral cartilage ossification of the distal phalanx in the Brazilian Jumper horse. Veterinary Radiology & Ultrasound. PubMed
  2. Ruohoniemi M, Tulamo RM, Hackzell M (1993). Radiographic evaluation of ossification of the collateral cartilages of the third phalanx in Finnhorses. Equine Veterinary Journal. PubMed
  3. Ruohoniemi M, Ahtiainen H, Ojala M (2003). Estimates of heritability for ossification of the cartilages of the front feet in the Finnhorse. Equine Veterinary Journal. PubMed
  4. Hilla D, Distl O (2014). Genetic parameters for osteoarthrosis, radiographic changes of the navicular bone and sidebone, and their correlation with osteochondrosis and osteochondral fragments in Hanoverian warmblood horses. Livestock Science. DOI
  5. Hedenström UO, Olsson U, Holm AW, Wattle OS (2014). Ossification of ungular cartilages in front feet of cold-blooded trotters - a clinical radiographic evaluation of development over time. Acta Veterinaria Scandinavica. PubMed
  6. Hedenström UO, Wattle OS (2014). Significance of ossificated ungular cartilages regarding the performance of cold-blooded trotters. Acta Veterinaria Scandinavica. PubMed
  7. Jones LE, Dyson SJ (2015). Radiographic characterization of ossification of the ungular cartilages in horses: 271 cases (2005-2012). Journal of the American Veterinary Medical Association. PubMed
  8. Tivey MEL, Van Dijk J, Dyson S (2020). Extensive ossification of the ungular cartilages and other osseous abnormalities of the proximal and distal phalanges. Equine Veterinary Education. DOI
  9. Aghajanian P, Mohan S (2018). The art of building bone: emerging role of chondrocyte-to-osteoblast transdifferentiation in endochondral ossification. Bone Research. PubMed
Oliver Winkel, mobiler Tierheilpraktiker

Oliver Winkel

Oliver Winkel ist mobiler Tierheilpraktiker für Pferd und Hund in der Region Berlin/Brandenburg. Er kommt zu dir und deinem Tier. Seine Arbeit umfasst die Kombination aus Hochfrequenz-Induktion und Photobiomodulation sowie individuelle Fütterungsanalysen. Mit dem CellRepair – Das Tierkonzept by Oliver Winkel® begleitet er Halter auch über die Region hinaus mit ergänzender Orientierung für den Alltag mit ihrem Tier. Ergänzend zur tierärztlichen Behandlung, ersetzt keinen Tierarzt. Mehr auf therapie-fuer-tiere.berlin

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